Nordstadt

Nordstadt - Professoren, Punker und Proletarier

Kaum ein Stadtteil in Hannover hat so viele verschiedene Gesichter wie die Nordstadt. Zwischen dem ehemaligen Güterbahnhof im Südwesten und den Georgengarten im Osten leben 16.000 Hannoveraner: Studenten und Professoren von der Leibniz Universität ebenso wie Familien mit Kindern und hippe Singles, Alteingesessene und Zuwanderern aus aller Herren Ländern. Der Stadtteil wird von der Leibniz Universität genauso geprägt wie von seiner industriellen Vergangenheit. Neben Gründerzeitvillen nördlich der Callinstraße finden sich Arbeiterhäuser aus dem 19. Jahrhundert rund um die Lutherkirche und mittlerweile umgebaute Fabriken wie die Schokoladenfabrik Sprengel in der Schaufelder Straße.


Das Schloss, das nie ein Schloss war: Seit 1879 residiert die Leibniz Universität im Welfengarten. Copyright: Katharina Wolf

Der Stadtteil hat sich aus der „Steintor-Gartengemeinde“ entwickelt, einer einst zum Amt Langenhagen gehörigen Verwaltungseinheit, die 1793 zum Amt Hannover kam. Eine Keimzelle erkennt man noch rund um den um 1650 angelegten Alten Jüdischen Friedhof in der Oberstraße, wo mit der 1742 gegründeten „königlich privilegierten Wachstuchmacherey vor dem Steinthore“ Hannovers ältester Industriebetrieb entstand. Hier steht nicht nur Hannovers letztes erhaltenes Gartenhaus, ein klassizistischer Fachwerkbau von 1820 und zugleich das älteste Haus der Nordstadt, sondern mit der Mottenburg auch die nach eigenen Angaben älteste Studentenkneipe der Stadt. 1843 wurde die Steintor Gartengemeinde nach Hannover eingemeindet.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts bestimmten drei Faktoren die Entwicklung des neuen Stadtteils: der Bau der Eisenbahnstrecke nach Bremen und damit einhergehend die Errichtung des Hauptgüterbahnhofs, der 1877 in Betrieb ging; der Umzug der 1831 als technische Hochschule gegründeten heutigen Leibniz Universität ins umgebaute Welfenschloss 1879; und, nach der Annexion des Königreichs Hannover durch Preußen 1866, die Errichtung drei neuer Kasernen, von denen heute nur noch der Pferdestall in der Appelstraße erhalten geblieben ist.

Die Zerstörungen des zweiten Weltkriegs fügten auch der Nordstadt viele Wunden zu, waren doch der Hauptgüterbahnhof und die angrenzende Continental AG wichtige Ziele alliierter Bomber. Daher ist die Nordstadt quasi architektonisch zweigeteilt. Wer den Engelbosteler Damm, die Hauptschlagader der Nordstadt, stadtauswärts fährt, hat zur Rechten zweckmäßige Bauten der 50er und 60er Jahre, zur Linken aber finden sich neben vereinzelten zweigeschossigen Häusern aus dem 18. Jahrhundert vor allem Häuser aus der Gründerzeit. Um diese vor dem Verfall zu schützen, legte die Stadt 1985 ein Stadtteilsanierungsprogramm auf. Im Zuge dieser Maßnahmen kam es zu spektakulären Grundstücksverkäufen und gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Hausbesetzern aus der autonomen Szene, die sich dadurch in der Nordstadt mehrere Zentren erkämpft haben. Besonders bei den Chaostagen 1995, die sich rund um das damals besetzte Sprengelgelände abspielten, war die Nordstadt Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen Punks und Polizei.


Ein Stadtteilsanierungsprogramm rettete die Gründerzeithäuser vor dem Verfall. Copyright: Katharina Wolf

Heute scheinen solche Auseinandersetzungen weit weg. Rund um die Lukaskirche florieren Bars, Studentenkneipen und kleine Geschäfte. Der Engelbosteler Damm bietet als Einkaufsstraße alles Notwendige fürs tägliche Leben. Vier U-Bahn-Linien, vier S-Bahnen und zahlreiche Busse verbinden die Nordstadt mit dem Zentrum und dem Umland. Durch die Leibniz Universität, die neben dem Welfenschloss auch den Conti Campus und den Campus Appelstraße/Schneiderberg in der Nordstadt hat, ist der Stadtteil vor allem für Studenten attraktiv. Familien profitieren von zahlreichen Kindergärten und Schulen. Das große Pfund des Stadtteils ist allerdings die Nähe zu den Gärten der ehemaligen Könige: Welfengarten, Georgengarten, Berggarten und Großer Garten liegen gleich um die Ecke.

 


Die Karte zeigt die Leibniz-Stadt Hannover. Abgedunkelt ist der Stadtteil Nordstadt.
Die Karte zeigt die Leibniz-Stadt Hannover. Abgedunkelt ist der Stadtteil Nordstadt.

Weitere Eindrücke zu "Nordstadt":

Den alten jüdische Friedhof in der Oberstraße umgibt eine geheimnisvolle Atmosphäre. Copyright: Katharina Wolf
Den alten jüdische Friedhof in der Oberstraße umgibt eine geheimnisvolle Atmosphäre. Copyright: Katharina Wolf
Als Maurer noch mauern durften: Die Neo-Backsteingotik ist typisch für die Nordstadt. Copyright: Katharina Wolf
Als Maurer noch mauern durften: Die Neo-Backsteingotik ist typisch für die Nordstadt. Copyright: Katharina Wolf
Für viele die schönste Straße in der Nordstadt: Die Glünderstraße zwischen Callinstraße und Schneiderberg. Copyright: Katharina Wolf
Für viele die schönste Straße in der Nordstadt: Die Glünderstraße zwischen Callinstraße und Schneiderberg. Copyright: Katharina Wolf


Artikel "Nordstadt" (Artikel-ID: 319) wurde geschrieben am 13.6.2014, zuletzt geändert am 28.7.2014, Autor: Katharina Wolf